Schottland ’95 – Teil 1

Warum ausgerechnet Schottland?

Karge Landschaft, Nebel, Regen und Kälte. Alles Gründe, die den 08/15-Touristen abhalten, in einem solchen Land seinen Urlaub zu verbringen. Was um alles in der Welt hat mich bewogen, hierher zu kommen? Ich glaube, es liegt an den Geschichten über wunderschöne Landschaften, schroffe Berge, freundliche Menschen und, last but not least, am Geheimnis des schottischen Whiskys. All das will ich nun mit eigenen Augen sehen und erleben. Da ich nicht allzuviel von organisierten Reisen halte, bin ich einfach drauflos gefahren. Es soll meine erste große Motorradtour werden. Mein Reisebegleiter ist Ralf, ein Kollege und auch begeisterter Motorradfahrer.

Die Motorräder

Wir, das sind
– Ralf auf einer Moto Guzzi Le Mans IV
– ich (Thomas) auf einer Yamaha XJ 600 S Diversion
Gemeinsam haben wir bisher nur einige Touren in der fränkischen Schweiz d.h. direkt vor unserer Haustür unternommen.

Später treffen wir noch auf
– Volker und Claudia auf einer Ducati 900SS
– «Schorsch» auf einer Kawasaki Z400

Tag 1 – Freitag, 11. August 1995

Die Anreise

Die Sonne scheint, der Tag hat gerade begonnen, wir sind guter Laune und bereit zum Start. Wir haben beschlossen, das Ganze etwas ruhiger anzugehen. Deshalb ist die erste Tagesetappe bis Köln gesteckt. Wir wollen ziemlich schnell bis Frankfurt fahren und dann rechtsrheinisch über Rüdesheim, St. Goar und Koblenz bis nach Köln. Unser erstes Nachtquartier schlagen wir bei Ralfs Verwandten in Köln auf. In Koblenz gönnen wir uns noch eine kleine Pause, um das Deutsche Eck zu besichtigen – ist aber leider wegen einer OpenAir-Veranstaltung abgesperrt. Also fahren wir auf die Festung Ehrenbreitstein und schauen uns das ganze von oben an. Es ist wahnsinnig warm und wir kommen bei unserem Festungsrundgang ganz schön ins Schwitzen. Kurz vor Köln dann die erste technische Panne. Die Blinker der Moto Guzzi gehen nicht mehr. Aber die letzten 10 km schaffen wir auch ohne.

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Erlangen – Köln Erster Anreisetag, gemütlicher Start am Vormittag, erst mal auf der Autobahn ein paar Kilometer hinter uns bringen, ab Eltville dann am Rhein entlang. Kurze Pause in St. Goarshausen, weiter nach Koblenz. Parken nicht nah genug am Deutschen Eck, deshalb zu langer Fußweg mit zu viel Gepäck. Deutsches Eck abgesperrt wegen Radio-Großveranstaltung – umsonst gelaufen. Festung Ehrenbreitstein. Es ist furchtbar warm. Von oben sieht das Deutsche Eck auch wesentlich besser aus. Weiter so schnell wie möglich nach Köln dem Ziel des heutigen Tages. Die Guzzi blinkt nicht mehr.

Tag 2 – Samstag, 12. August 1995

Am nächsten Morgen funktionieren die Blinker wieder. Ein Grund für das Fehlverhalten ist nicht zu erkennen, also gehts erst mal weiter. Unser heutiges Tagesziel ist der Fährhafen Rotterdam. Warum Rotterdam? Von Rotterdam (oder auch von Zeebrugge aus) gibt es eine tägliche Fährverbindung nach Kingston-upon-Hull in Nordengland. Dies spart uns einige hundert Kilometer Autobahn in Südengland. Über die Strecke Köln-Rotterdam gibt es nicht viel zu berichten. Wir fahren Autobahn. Bei Venlo habe ich ein Spritproblem und finde erst kurz vor Ultimo eine Tankstelle – Glück gehabt. Wir kommen gegen 16 Uhr am Fährterminal an und Reihen uns in die Motorradschlange ein. Im Terminal lernen wir noch 3 andere Biker kennen: Claudia und Volker aus Scheinfeld wollen mit Volkers Duc 900 SS auch nach Schottland, Schorsch auf seiner 400er Kawa will nach Irland. Gedankenaustausch!!!

Die Fähre

«Schneller in den Norden Englands.» – Der Prospekt der Fährgesellschaft verspricht eine angenehme Überfahrt, Mahlzeiten inclusive, und er hält es auch. Wir überqueren im Schlaf die Nordsee und starten am nächsten Morgen nach einem ausgiebigen Frühstück (wahlweise ‹English› oder ‹Continental›) in den Linksverkehr.

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Köln – Rotterdam Europort Blinker geht. Wieder unheimlich warm, deshalb so schnell wie möglich auf die Autobahn und nach Rotterdam. Coke-Eis läßt sich problemlos auf dem Zylinderkopf schmelzen. Warten auf Boarding. Kontakte knüpfen. Abend auf der Fähre. Freidrinks wegen Verspätung.

Tag 3 – Sonntag, 13. August 1995

Nordengland

Wir verlassen das Schiff nach einem ausgiebigen Frühstück und beschließen, erst mal zu fünft weiter zu fahren. Schorsch hat das Ziel Irland zurückgestellt. Wir legen als Tagesziel die schottische Grenze fest. Nach York verlassen wir die größeren Landstraßen und suchen uns auf kleinen Nebenstraßen einen Weg durch die südlichen Pennines. In Newby Hall, einem Landhaus nahe Ripley, findet zufällig an diesem Tag ein MG-Oldtimertreffen statt. Ein solches Ereignis lassen wir uns nicht entgehen und flanieren eine Stunde zwischen den alten Autos. Dann gehts weiter in Richtung Yorkshire Dales. Dort ereilt uns das erste Mißgeschick, Ralf trennt sich in einer Kurve von seiner Guzzi. Zum Glück keine ernsten Schäden. Der erste Ersatz-Zündkerzenstecker muß montiert werden. Mit weichen Knien geht es weiter. Am Nachmittag erreichen wir Kendal, den Eingang zum Lake District. Wir suchen ein Quartier etwas abseits vom Haupttouristenstrom. Schließlich werden wir in Patterdale fündig. Wir schlagen unser Nachtlager in einer kleinen Frühstückspension auf. Abends gibt es Chicken marsala ebenda. Der erste Tag im Linksverkehr ist überstanden.

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Hull – Patterdale Ab jetzt zu fünft. Volker und Claudia haben dasselbe Ziel wie Ralf und ich, «Schorsch» will eigentlich nach Irland, kommt aber erst mal mit. MG-Treffen in Newby Hall. Yorkshire Dales. Ralf rutscht auf einer Brücke weg – Pause wegen Reparatur. Erster Ersatz-Zündkerzenstecker verbraucht. Danach überqueren wir (vorsichtiger) die Pennines (Garsdale Head) in Richtung Lake District. Von Windermere über den Kirkstone Pass. B&B in Patterdale. Chicken Marsala zum Abendessen. Alles in Allem ein sonniger Tag mit angenehmen Temperaturen.

Tag 4 – Montag, 14. August 1995

Dumfries and Galloway

Der zweite Tag beginnt mit der Erinnerung an den Linksverkehr. Volker erinnert sich nicht und fährt bis zum ersten entgegenkommenden Auto rechts. Ansonsten läßt sich der Tag gut an. Es ist zum Glück nicht so heiß, wie in Deutschland. Nach einer Stunde überqueren wir bei Gretna die schottische Grenze. Die Möglichkeit, hier schnell und unbürokratisch zu heiraten, nutzen wir nicht. Auf Klaudias Wunsch halten wir in Dumfries, bummeln durch die Stadt und besichtigen ein paar sehenswerte Museen: das Brückenhaus (vermutlich das älteste Haus Dumfries) und das Dumfries Museum, in dessen Turm eine Kamera Obskura installiert ist. Nach einem anschließenden kleinen Imbiß (Fish & Chips) verlassen wir Dumfries in Richtung Westen und folgen der Hauptstraße bis Newton Stewart. Da der Tag noch nicht zu weit fortgeschritten ist, beschließen wir, bis Ayr weiterzufahren. Der größte Teil der restlichen Strecke führt durch den Galloway Forest. Die erste Bewährungsprobe für die Motorräder. Danach sind wir alle ziemlich fertig und genießen die Teepause in einer kleinen Gaststätte kurz vor dem Tagesziel. Wir übernachten in der Jugendherberge Ayr. Getrennte Schlafsäle – Klaudias und Volkers Begeisterung hält sich in Grenzen. Ansonsten ist die Herberge ok. Die abendliche Nahrungssuche erweist sich als schwieriger als angenommen. Schließlich landen wir in einem chinesischen Restaurant und später in einem netten Pub. 11 PM ist Torschluß in der JH, also müssen wir bis dahin zurück sein. Aber viel länger haben die Kneipen hierzulande eh nicht offen und schließlich wollen wir morgen früh weiter.

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Patterdale – Ayr Volker startet «rechts» – bis zum ersten Auto. Schottland erreicht bei Gretna. Dumfries – Shopping. Jetzt werden die Nebenstraßen zur ersten Wahl. Am Nick of the Ballock über die Lowlands. Jugendherberge in Ayr. Nach Chinarestaurant und Pub wird der Duty-Free-Ballast vor der JH beseitigt. 11 p.m. Torschluß. Getrennte Schlafräume – Claudia stimmt für die Zukunft gegen Jugendherbergen.

Tag 5 – Dienstag, 15. August 1995

Argyll

Wir starten an einem sonnigen Morgen zu unserer dritten Etappe. Frühstück gibt es in der JH nicht, der Koch ist krank. Also suchen wir uns ein Drive-In-Restaurant. Wir bekommen ein reichhaltiges Frühstück all-inclusive für 4 Pfund. Ich habe ein paar Schwierigkeiten mit den Müsliverpackungen. Gut gestärkt für den Tag begeben wir uns auf den Weg nach Norden. Wir wollen möglichst schnell Glasgow passieren und dann am Loch Lomond vor bei in Richtung Argyll Forest Park. Die erste angenehme Überraschung erleben wir an der Erskine Bridge – über die Clydemündung. Motorräder müssen hier (und auch für die Forth-Bridge bei Edinburgh) keine Maut bezahlen. Allerdings müssen wir uns trotzdem in die Schlangen an den Mauthäuschen einreihen. Kurz darauf bemerkt Volker einen Riß in seinem Gepäckträger und wir lernen zum ersten Mal die Hilfsbereitschaft der Schotten kennen. Nach einer knappen Stunde ist der Träger neu geschweißt und wir sind wieder fahrbereit. Bevor wir auf dem Weg nach Inveraray den Paß Rest and be Thankfull überqueren, rasten wir noch kurz in Tarbet am Loch Lomond. Bei strahlendem Sonnenschein überqueren wir anschließend den Paß und erreichen Inveraray, eine kleine Hafenstadt am Loch Fyne. Wir bummeln durch die Hauptstraße und besichtigen Inveraray Castle, dem Stammsitz des Duke of Argyll. Den Rest des Tages verbringen wir auf der Suche nach einem Quartier. Obwohl es erst als ein Fehler erscheint, abseits der Hauptstrecke zu suchen, finden wir letztendlich doch eine sehr gute Unterkunft (B & B) am Loch Awe. Wir gehen noch im See schwimmen und wandern zu den nahegelegenen Hügeln. Den Abend verbringen wir im Gespräch mit unseren Wirtsleuten.

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Ayr – Portinnisherrich Frühstück im DriveIn – 4 Pounds. Poched Egg für Schorsch. Richtung Glasgow, Erskine Bridge – Maut nur für Autos, Motorräder frei ;-)) Hilfsbereite Schotten schweißen Volkers gerissenen Gepäckträger. Rast am Loch Lomond. Inveraray – Sightseeing – Inveraray Castle, Stammsitz der Dukes of Argyll. «Rest and be thankful«. Quartiersuche abseits des Mainstreams schwierig. Sehr gutes B&B in Portinnisherrish am Loch Awe. Schwimmen im See – sehr kalt. Gemütlicher Abend am Kamin.

Tag 6 – Mittwoch, 16. August 1995

Highlands and Islands

Am nächsten Morgen liegt Nebel über dem See. Wir wenden uns der Küste zu, um nach 2 Stunden Fahrt wieder das Loch Awe, diesmal aber dessen Nordspitze, zu erreichen. Unser Weg führt uns weiter entlang des Rannoch Moor in die Highlands. Wir passieren das Glen Coe. Hier fand am 13. Februar 1692 das Massaker von Glen Coe statt. Ein kleines Besucherzentrum dokumentiert die Geschichte des Tales. In Fort William nutzen wir die Gelegenheit zu einem Einkaufsbummel. Da wir die nächsten Tage abseits der größeren Städte verbringen wollen, kaufen wir die notwendigsten Kleinigkeiten hier ein. Am frühen Nachmittag rasten wir nahe dem Glenfinnan Viadukt, ein Muß für Eisenbahnfans. Hier fährt mehrmals täglich ein Dampfzug von Fort William nach Mallaig über den Viadukt. Die restliche Strecke nach Mallaig ist eng und kurvenreich. Da wir etwas unter Zeitdruck stehen, um die Fähre nach Skye zu erreichen, wird die Fahrt ziemlich anstrengend. Angekommen auf Skye haben wir ein ernstes Problem. Es ist ca 16 Uhr und die Quartiere sind zum großen Teil ausgebucht. Für eine Gruppe von 5 Personen fast unmöglich, noch etwas zu finden. Wir versuchen’s im Tourist Office Broadford und erfahren, daß es in Portree noch Quartiere gäbe, dies sei nur knapp 1/2 Stunde entfernt. Wir brauchen bei straffer Fehrweise 50 Minuten und bekommen ein 5-Bett-Zimmer vermittelt. Am Abend gehen wir in einem Pub und verzichten auf das Abendessen (es gibt keine Barmeals).

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Portinnisherrich – Portree Rundtour um das Loch Awe. Rannoch Moor. Glen Coe. Fort William – Shopping. Glenfinnan Viadukt – ein muß für alle Eisenbahnfans. Rasende Fahrt auf kleinen Straßen nach Mallaig. «Stop» zwischen Zaun und parkendem Auto. Fähre zur Isle of Skye. Wieder Quartiersuche abseits der Hauptstraße – diesmal erfolglos. Das Tourist Office in Broadford schickt uns schließlich nach Portree. Dort 5-Bett-Zimmer die einzige Möglichkeit. Pub ohne Essen.

Tag 7 – Donnerstag, 17. August 1995

Die Isle of Skye

Die Landschaft der Isle of Skye ist auf jeden Fall einen Besuch Wert. Besondere Punkte sind The Storr, ein Bergmassiv – besonders für Wanderer interessant, der Kilt Rock oder auch Dunvegan Castle. Wir entschließen und zu einer Tour rund um die Halbinsel Trotternish. Leider ist vom Wasserfall am Kilt Rock an diesem Tag nur ein schmales Rinnsal übrig. Die letzten paar hundert Meter an der Nordspitze der Halbinsel sind eine Schotterpiste. Gegen Mittag erreichen wir Kyleakin. Die in der Karte verzeichnete Brücke zum Festland ist noch nicht fertiggestellt, wir setzen mit der Fähre über. In Dornie rasten wir. Wir verbringen ein paar Stunden auf einer Wiese am Ufer des Loch Long. Ich unternehme eine kleine Fototour rund um das Highlander-Schloß – Eilean Donan Castle. Am frühen Nachmittag machen wir uns auf die Suche nach einem Quartier. Der erste in der Karte verzeichnete Ort, Stromeferrie am Loch Carron, besteht nur noch aus ein paar verfallenen Hütten. Also weiter! In Lochcarron, am gegenüberliegenden Ufer des Lochs finden wir schließlich eine Unterkunft. Wir sonnen uns noch eine Stunde im Garten und gehen dann Essen, ein Restaurant mit Bar und ziemlich gutem, preiswertem Essen (oder haben wir uns inzwischen an die britische Küche gewöhnt???) Im nächsten Pub spielen wir ein paar Runden Billard.

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Portree – Lochcarron Skye – Inselumrundung. Kilt Rock, Nordkap, Uig, Kyleakin. Übersetzen zum Festland. Mittagspause in Dornie am Eilean Donan Castle. Phototour in der Umgebung. Nicht alle Orte auf unserer Karte sind auch noch solche – Stromeferrie am Loch Carron. B&B in Lochcarron am Loch Carron. Sonnen im Garten, abends im Restaurant und Pub, Guinness und Billard. Die britische Küche ist besser als ihr Ruf.

Tag 8 – Freitag, 18. August 1995

Wester Ross

Die Sonne scheint, wir gehen schwimmen!!! Volker meint, an der Küste von Applecross müßte es ein paar schöne einsame Strände geben. Der erste liegt direkt im Ort Applecross, der zweite ist militärisches Sperrgebiet. Schließlich finden wir ein ruhiges Fleckchen nahe dem Ort Fearnmore an der Nordspitze von Applecross. Trotz Sonne und Golfstrom ist das Wasser jedoch ziemlich kalt, also wird aus dem Schwimmen eher ein kurzes Plantschen im flachen Wasser und ein ausgiebiges Sonnenbad zum Aufwärmen. Am Nachmittag folgen wir der Küstenstraße bis nach Ullapool. Die Sonne scheint immer noch. Aufgrund des unerwartet warmen Wetters beschließt Schorsch zu zelten. Wir anderen haben inzwischen entschieden, am nächsten Tag zurück nach Süden aufzubrechen. Volker meint, die Nordküste sei nicht so sehenswert. Ich werde dieses Ziel beim nächsten Schottlandurlaub in Angriff nehmen – denn spätestens jetzt ist mir klar, daß ich unbedingt nochmal hierher kommen muß.

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Lochcarron – Ullapool Applecross. Nördlich an der Westküste. Wir wollen baden gehen, Rast in dem kleinen Ort Fearnmore. Kurzes Bad und ausgiebiges Sonnen. Die Küste entlang nach Ullapool. Aufgrund des anhaltend guten Wetters zeltet Schorsch auf den Campingplatz, wir vier anderen suchen uns ein B&B.