Tag 9 – Samstag, 19. August 1995
Nessie und andere Monster
Zeit zur Umkehr. Mit ein klein wenig Enttäuschung gehe ich in den nächsten Tag. Ich wäre gern noch weiter nach Norden gefahren. Na ja, vielleicht beim nächsten mal. Die erste Stunde Fahrt verführt auch nicht gerade zum Träumen. Im Gegenteil, die Strecke von Ullapool bis Inverness ist ziemlich langweilig. Aufgrund des wunderschönen Wetters beschließen wir, die nächste Nacht zu zelten. Zwei Zelte haben Volker und Schorsch dabei. Ralf und ich kaufen in Inverness Schlafsäcke und Isomatten. Wir nutzen unseren Aufenthalt zu einem kleinen Stadtbummel. Nebenbei besichtigen wir Inverness Castle, hier soll Macbeth seine Frau ermordet haben – sagt Shakespeare. Dementsprechend ist die Ausstellung im Castle gehalten, einschließlich eines Hörspieles, natürlich Macbeth. Die Führer sind in historische Uniformen gekleidet und führen vor dem Schloß eine Art Wachwechsel auf.
Am frühen Nachmittag brechen wir wieder auf. Ein muß für jeden, der das erste Mal Schottland besucht ist natürlich ein Besuch am Loch Ness. Auch wir wenden uns nach Süden und fahren entlang des wohl berühmtesten schottischen Sees nach Fort Augustus am Caledonian Channel. Das Glück, «Nessie» zu sehen, ist uns nicht vergönnt. Am Südende des Lochs verlassen wir wieder die Haupttouristenstrecke und fahren südlich von Loch Ness wieder zurück. Abseits der Hauptstrecken findet man immer die kuriosesten Sachen, wie zum Beispiel eine alte Tankstelle in Tombreck. Eine Zapfsäule an der Kreuzung, daneben ein kleines Häuschen. Kein Zählwerk an der Säule oder sonstwo. Dem Preis nach muß der Verkäufer die Benzinmenge geschätzt haben.
Mittlerweile ist der Tag schon ein gutes Stück vorangeschritten und wir machen uns auf die Suche nach einem Zeltplatz. Der Erste gefällt uns nicht, der Zweite ist bereits voll, wir schlagen unsere Zelte schließlich in Alvie auf. Kurz vor dem Zeltplatz haben wir ein vielversprechendes italienisches Restaurant entdeckt. Auf dem Weg dorthin gibt es das zweite Mal ein Problem mit dem Linksverkehr. Diesmal ist es Schorsch, der auf die rechte Fahrbahn einbiegt. Nach diesem Schreck freuen wir uns auf ein gutes Abendessen. Das Essen hebt sich wohltuend von dem der letzten Tage ab.
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Ullapool – Alvie Umdenken: 1. Wir fahren wieder nach Süden. 2. Ab heute zelten wir auch. Dazu Schlafsäcke kaufen in Inverness. Castle besichtigt und Sightseeing. Loch Ness – ein weiterer See. Nessie taucht nicht auf. Tanken in Tombreck – urig. Auf dem 3. Zeltplatz finden wir eine Unterkunft – in Alvie. Abendessen diesmal italienisch – aber keine Pizzas auf der Karte. Heute vergißt Schorsch für kurze Zeit den Linksverkehr.
Tag 10 – Sonntag, 20. August 1995
Ruhetag
Unser Zeltplatz liegt in der Nähe des Glen More Forrest Park, einem Erholungsgebiet mitten in den Grampian Mountains und offensichtlich einem beliebten Ausflugsziel. Wir verbringen den Tag am Strand. Vorher gibt es noch ein kleines technisches Problem mit Ralfs Guzzi. Nach einiger Suche haben wir die Ursache – eine Schraube der hinteren Bremsankerplatte hat sich gelockert und ist verloren gegangen. Eine Werkstatt ist zum Sonntag nicht aufzutreiben. Also muß bis morgen die vordere Bremse reichen. Am Nachmittag fahren wir noch ein kurzes Stück entlang des River Spey. Die Idee, noch schnell eine Distillerie zu besichtigen läßt sich nicht verwirklichen. Am Sonntag Nachmittag sind die, an denen wir vorbeikommen, geschlossen. Also nehmen wir uns die Whiskytour für den nächsten Tag vor und platzieren unsere Zelte auf einem Zeltplatz bei Aberlour, im «Whisky-Tal». Nach uns treffen noch einige andere deutsche Motorradfahrer auf dem Zeltplatz ein. Wir nutzen die späte Nachmittagssonne, um Wäsche zu waschen und diese zum Trocknen in die Sonne zu hängen. Am Abend machen wir einen Ausflug in den Ort. Das einzige Restaurant sperrt leider zu, als wir gerade eintreten wollen. Also begnügen wir uns mit Fish & Chips und nehmen uns ein paar Dosen Bier und Cider mit zum Zeltplatz.
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Alvie – Aberlour Ruhetag. Es ist ziemlich warm. Baden im Glenmore Forrest Park – einem Natur-Freizeitpark. Am Nachmittag noch ein kurzes Stück im Spey-Tal. Da Sonntag ist, haben die Distillerien geschlossen. Also frühe Zeltplatzsuche, Wäsche waschen. Kein vernünftiger Pub in der Nähe. Nur Fish&Chips und Bier/Cider aus der Dose. Der Zeltplatz (ein paar km südöstlich von Aberlour) ist sehr gut.
Tag 11 – Montag, 21. August 1995
Der Malt Whisky Trail
Scotch Whisky – eines der bekanntesten schottischen Produkte. Hier, rund um das Spey Tal herum, befinden sich die meisten schottischen Whiskydistillerien. Und natürlich bietet jede einzelne dieser Distillerien Führungen durch den Betrieb mit einer kleinen Kostprobe des Endproduktes an. Die erste Distillerie, die wir besuchen, ist Glenfiddich in Dufftown. Hier ist man auf Touristen eingestellt. Die Führung ist kostenlos. Wir bekommen beim Betreten des Besucherzentrums ein Infoblatt in deutscher Sprache (es gibt auch französisch, italienisch und japanisch), anschließend wird in einem Filmvortrag die Geschichte der Distillerie vorgestellt. Glenfiddich ist die einzige Distillerie, in der Whisky an einem Ort distilliert, gelagert und abgefüllt wird. Beim anschließenden Rundgang erfahren wir Einiges über die Herstellung des edlen Getränks. Angefangen damit, daß schottischer Whisky zweimal distilliert wird, im Gegensatz zum dreifach distillierten irischen Whisky, bis hin zur Auswahl der Fässer für die Lagerung des Whiskies. Am Schluß gibt es noch eine Kostprobe. Als Motorradfahrer müssen wir da leider passen, aber auch darauf ist man eingestellt. Wir bekommen eine kleine Kostprobe zum Mitnehmen.
In Dufftown haben wir auch die Gelegenheit, Ralfs Bremsen wieder zu reparieren. Ein Mechaniker schneidet uns eine Schraube mit dem gesuchten Gewinde zurecht. Am Nachmittag besichtigen wir noch eine zweite Distillerie – Strathisla in Keith, Home of Chivas Regal. Es geht hier etwas persönlicher zu. Wir bekommen Tee und Gebäck, bevor wir auf eigene Faust die Distillerie erkunden können. Hier stehen alle Beschäftigten unseren neugierigen Fragen bereitwillig gegenüber und erklären uns, was wir bis dahin noch nicht wissen. Besonders interessant ist hier der letzte Teil des Besuchs – ein Geruchstest. Wir bekommen die Geruchsunterschiede verschiedener schottischer Whiskies vorgeführt, Unterschiede zwischen Malt und Grain, Ostküste und Westküste, Highlands und Lowlands. Allein diese Erfahrung lohnt die 4 Pfund Eintrittspreis. Eine unangenehme Erfahrung dieses Tages haben wir der Sonne zu verdanken. Die Motorräder sind auf dem Parkplatz der Distillerie in den erwärmten Asphalt eingesunken und umgefallen. Ralf muß erneut den Zündkerzenstecker austauschen, Volker hat’s schlimmer erwischt, die Verkleidung ist gebrochen. Wir reparieren notdürftig mit Klebeband und fahren noch ein gutes Stück nach Süden. Am nächsten Tag wollen wir Edinburgh erreichen. Wir überqueren den Devil’s Elbow. Die Suche nach einem Zeltplatz führt uns dann bis nach Rattray. Der Zeltplatz ist zwar mehr eine Art Sommerdomizil für ältere Bürger, aber wir bleiben ja nur für eine Nacht. Abendessen gibts bei einem Fast-Food-Chinesen im Stadtzentrum. Wir sitzen dann noch bis spät in der Nacht vor dem Zelt und feiern unseren letzten gemeinsamen Abend, Schorsch will am nächsten Tag nach Hull fahren, Claudia, Volker, Ralf und ich wollen noch 2 Tage in Edinburgh verbringen, bevor wir uns auf den Heimweg machen.
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Aberlour – Rattray Whisky. Das Hauptprodukt dieser Gegend. Nach Frühstück in Dufftown Besichtigung der Glenfiddich-Distillerie. Tourismus pur. Infos und Führungen in englisch, französich, deutsch, italienisch und sogar japanisch. Auf die obligatorische Kostprobe müssen wir leider verzichten – bekommen dafür kleine Fläschchen mit auf den Weg. Guzzi reparieren – eine Schraube an der Bremsankerplatte fehlt bereits seit gestern. Strathisla Distillerie in Keith. Gemütlicher und weniger Touristen. Tee mit Gebäck, individuelle Besichtigung, Geruchsprobe. Unangenehme Erfahrung: Die Motorräder sind auf dem weichen Belag des Parkplatzes eingesunken und umgefallen. Notdürftige Reparatur, der zweite Zündkerzenstecker für die Guzzi. Weiter noch ein gutes Stück nach Süden. Cairnwell Pass/»Devis’s Elbow». Camping in Rattray – nicht so toll. Fast-Food Chinesisch und ein langer Abend bei Kerzenschein auf dem Campingplatz.
Tag 12 – Dienstag, 22. August 1995
Edinburgh
Am Morgen heißt es Abschied nehmen. Wir frühstücken in einem Hotel an der Straße nach Perth. Anschließend tragen Volker und Schorsch noch die Endausscheidung im Billard um den Urlaubsmeister-Titel aus. Nach der Überquerung der Brücke über den Firth of Forth trennt sich Schorsch von uns. Wir fahren nach Edinburgh und schlagen unser Zelt für zwei Nächte auf dem Campingplatz Muirhouse auf – nicht die beste Wahl, man ist zwar schnell mit dem Bus in der Innenstadt, aber die sanitären Anlagen lassen sehr zu wünschen übrig. Nebenan liegt ein Golfplatz, ist aber leider ausgebucht. Wir besichtigen die Stadt, wandern hoch zur imposanten Burg und genießen den Blick vom Burgberg hinab auf die Stadt. Am Abend regnet es. Volker schlägt vor, in einem kleinen Pub, «gar nicht weit entfernt», zu Essen. Wir sind einverstanden und machen uns auf den Weg. Die angekündigten «10-20 Minuten» strecken sich zu einer guten Dreiviertelstunde bis wir endlich in Cramonds ankommen und dort auch den versprochenen Pub finden. Der entschädigt allerdings für den langen Weg.
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Rattray – Edinburg Abschied von Schorsch. Er will direkt zur Fähre. Ein letztes Billard-Duell mit Volker zum Frühstück. Trennung am Firth of Forth – Brücke mit Maut für Autos, Motorräder sind wieder frei ;-))) Zeltplatz Edinburgh-Muirhouse ist nicht die beste Wahl. Stadtbummel rund um die Burg. Abendspaziergang an der Küste in der Nähe des Campingplatzes. Volkers «10 minuten bis zum Pub» werden zu einer guten 3/4-Stunde. «The Cramond Inn» – sehr gut.
Tag 13 – Mittwoch, 23. August 1995
Wir bleiben noch einen weiteren Tag in Edinburgh, machen eine der typischen Touri-Stadtrundfahrten mit und gehen zum Shopping. Petrus belohnt uns mit Sonnenschein und so sitzen wir eine Weile unterhalb der Burg in einer der wunderschönen Parkanlagen. Irgendwie ist «die Luft raus». Meine Gedanken sind schon bei der Heimfahrt. Den Abend verbringen wir wieder im Cramonds Inn, irgendwie gefällt uns dieser Pub. Und nach ein paar Guinness ist auch der einsetzende Regen auf dem Rückweg zu ertragen.
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Edinburgh Sightseeing, Stadtrundfahrt, Shopping, Sonnen. Abends fängt es an zu regnen. Der erste Regen nach 1 1/2 Wochen in Schottland!!! Am Abend wieder «The Cramond Inn». Nach ein paar Guinness ist der Regen erträglich.
Tag 14 – Donnerstag, 24. August 1995
Heimwärts
Am Morgen des dritten Tages regnet es. Wir entschließen uns, heute direkt nach Hull zu fahren. Die Heimfahrt beginnt grauenvoll. Es regnet in Ströen, die Straße ist voller Lastwagen. So werden die ersten 2 Stunden zur Qual. Völlig durchgefroren rasten wir kurz nach der englischen Grenze, als der Regen aufhört. Hoffnung auf eine angenehmere Fahrt kommt auf. Wir fahren in Richtung Newcastle. Es ist windig, aber es bleibt zum Glück trocken. Ab Newcastle fahren wir Autobahn. Wir wollen jetzt möglichst schnell zum Fährhafen. Aber die Strecke nach Hull «zieht sich». Wir kommen gegen 4 Uhr am Terminal an und kaufen uns die Tickets nach Zeebrugge. Um 5 Uhr können wir an Bord gehen. Duschen, zu Abend essen und noch ein paar Bier an der Bar, dann fallen wir in unsere Kojen, es war doch ein recht anstrengender Tag.
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Edinburgh – Hull Es hat die Nacht durch geregnet und hört nicht auf. Wir beschließen, heute noch zur Fähre zu fahren. Aufbruch im Regen, es hört erst kurz vor der englischen Grenze auf. Jetzt nur noch windig. Die Strecke zieht sich hin. Gegen 4 p.m. Ankunft in Hull. Tickets nach Zeebrugge kaufen, 5 Uhr an Bord gehen, duschen, noch ein paar Bier an der Bar und dann wie tot in die Kojen fallen.
Tag 15 – Freitag, 25. August 1995
Über 250 km quer durch Belgien und einen unfreundlichen Empfang in der ersten deutschen Raststätte bei Aachen. Hier trennen sich unsere Wege. Volker und Claudia wollen heute noch heim. Ralf und ich fahren nach Mainz. Bei Koblenz schlafe ich fast auf der Autobahn ein. Wir rasten. Die letzten Kilometer gehen wieder. Am frühen Nachmittag erreichen wir Budenheim bei Mainz. Freddi, bei dem wir übernachten wollen, ist noch nicht da. Wir spazieren kurz durch das Viertel, rasten kurz in der kleinen Kneipe nebenan und warten die letzte Stunde auf dem Parkplatz. Am Abend gibts Pizza.
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Zeebrugge – Budenheim Autobahn quer durch Belgien. Rast an der ersten Raststätte nach der deutschen Grenze – Null Service. Abschied von Claudia und Volker – die Beiden wollen direkt nach Hause. Ralf und ich fahren nach Mainz. Pizzas zum Abendessen und Freude auf zu Hause.
Tag 16 – Samstag, 26. August 1995
Am nächsten Morgen eskortieren wir Freddi nach Erlangen. 2 Motorräder und eine Ente – eine seltsame Kolonne.
Nach 3898 km bin ich auf den Geschmack gekommen. Die Inseln werden so langsam zu meinem bevorzugten Urlaubsziel. Im nächsten Jahr werde ich nochmal zurückkommen.